Der kleine E’omer trägt einen großen Namen. Namensgeber ist ein kühner und treuer Ritter der Herr, der Ringe - Trilogie. Dass Namen hin und wieder Charaktere widerspiegeln, bestätigt Eo recht anschaulich. Trotz hohen Alters und unauffälliger Erscheinung ist er ein mutiges, munteres Kerlchen. In der Herdenhierarchie stieg er rasant nach oben. Dabei lässt er nie den Boss raushängen. Er ist  intelligent, lernt blitzschnell und wirkt stets positiv. Das ist gut so, denn Eo muss noch lernen ein zuverlässiges Therapiepferd zu werden.

 

Antje arbeitet zunehmend mit Problempferden anderer Reitställen. Leider kontaktiert man sie in vielen Fällen sehr spät, sodass Korrekturen enorme Zeit und Energie kosten. 

Meist sind Pferde nicht das wesentliche Problem. Pferde reagieren nun mal wie Pferde. Entscheidender Faktor aller Pferdeausbildung ist und bleibt der Mensch. Unsere Strategie ist daher einfach:  Pferdeausbildung geschieht immer vor Ort mit dem Ziel schnellstmöglicher Eigenständigkeit des                                                                                                                                         Pferdehalters. 

Pila war unsere älteste Pferdedame. Eigentlich war sie ein Fall für den Schlachter:  unbrauchbar, krank, charakterlich schwierig und obendrein ausgesprochen hässlich. Ein Pony, das keiner will. Pila wurde trotzdem unser Kinderstar, ein Traum des therapeutischen Reitens. Zuletzt baute sie  spürbar ab. Aber genau hier greift unsere Philosophie. Wir liebten Pila nicht wegen ihrer  Leistungsfähigkeit. Zunächst war sie verschlossen, latent aggressiv und in einem heruntergekommenen Allgemeinzustand. Man konnte sich nicht nähern, ohne ihren Widerstand zu spüren. Was war zu tun? Wir respektierten ihr Verhalten. Bei uns darf jeder sein, wie er ist. Wir stellen keine unerfüllbaren Ansprüche. Gleichwohl ermutigen wir. Vorsichtig testeten wir die Entfernung, die man auf Pila zugehen kann, ohne dass sie sich bedroht oder genervt fühlt. Bei geringster  Abwehrhaltung gingen wir zur Ausgangsposition zurück. Keinesfalls verletzen wir Privatsphären. Anfangs betrug die Distanz hunderte Meter, was sich nach Monaten verkürzte. Pila war kein „Schmusepferd“. Musste sie auch nicht sein, den Anspruch stellten wir nie. Pila besaß Hingabe.  

Die kleine mehrfach behinderte Victoria kann sich nur mit Gehhilfe fortbewegen. Das störte Pila nicht. Diesem kleinen wackeligen Mädchen folgte sie von der Weide bis zum Putzplatz. Schritt für Schritt wich sie nicht von ihrer Seite, achtete auf Tempo und Sicherheit. Victoria war in Pilas Augen kein kleines kränkliches Wesen, sondern der Boss! Wir staunen noch immer: aus einem hoffnungslosen Pony wurde das Verlasspferd schlechthin.

 Sein Name ist Programm: Sherif Ass war begnadeter Sportler, u. a. im Jahr 2001 Deutschlands schnellster Traber. Nach Karriereende  kam er zur Stendalranch. Hier fiel er auf. Nicht wegen seiner Gewinnsumme oder athletischen Erscheinung. Das  interessiert uns nebenbei. Sherif war einfach nicht gewohnt, wie ein Pferd zu leben. Pferdesport meint es mit Pferden nicht immer gut. Dabei hatte Sherif Glück verantwortungsbewusste Vorbesitzer zu haben. Dennoch konnte er nur geradeaus auf glattem Untergrund laufen. Auf unserem hügeligen Areal stürzte Sherif häufig oder schrammte sich an Bäumen und Sträuchern. Zahllose Bisswunden zeigten zudem, dass er andere Herdenmitglieder nicht verstand. Er musste im Erwachsenenalter  lernen, wie Pferde sich verhalten. Das ist vergleichbar mit Menschen, die erst mit Volljährigkeit in die Schule kommen. Er brauchte viel Zeit und die haben wir. Sherif war oft  müde.  Alles war neu, anders und  anstrengend. Früher löste er Probleme mit Geschwindigkeit, nun waren andere Qualitäten erforderlich. Sherif ist ein beeindruckendes Zeugnis enormer Anpassungsfähigkeit aller Pferde. Heute zählt Kommunikation zu seinen Kernkompetenzen. Verstand er früher Artgenossen kaum, ist er heute Vorzeigeprofi für Pferdekommunikation. Seine Leidenschaft hat er dabei nie verloren: er mag es schnell.

Manche Jungens tun sich schwer mit dem Schulsystem: stundenlang ruhig sitzen und konzentriert zuhören. Markus liebt es nach der Ganztagsschule auf Sherifs Rücken rau und kantig. In diesen Momenten verbinden sich zwei Kämpferherzen und genießen Weite, Wind und freie Aussicht. 

 

 

 Therapeutisches Reiten ist nur möglich, wenn Pferde ein bestimmtes Charakterprofil erfüllen.  Bestimmte Rassen besitzen das scheinbar genetisch, beispielsweise Haflinger oder Fjordpferde. Wir suchten nach Quarterhorses und fanden die sanfte Doc Holliday Joy. Diese war nur gemeinsam mit ihrem  halbjährigen  Fohlen zu erwerben. Und so landete UW Little Breeze „zufällig“ auf unserer Ranch. Breeze hat bis auf den heutigen Tag keine Ahnung von Paddock oder Boxen. Sein Leben spielt sich ausnahmslos im Herdenverband einer Offenstallhaltung ab. Er wuchs ziemlich unbekümmert auf und besitzt daher die kostbare Fähigkeit zu vertrauen. Zumal er Menschen nie bedrohlich erlebte. Was artgerechte Haltung und Vertrauen leisten können, beweist er regelmäßig. Bei einer Trainingseinheit drohte er zu stürzen und auf Menschen zu fallen. Geradezu artistisch schob er seinen Körper beiseite und landete auf dem Rücken. Dabei nahm er bewusst eigenen Schaden in Kauf, um Menschen zu schützen. Das gilt allgemein für gesunde und erzogene Pferde. Sie sind gegenüber Menschen äußerst achtsam. Breeze liebt gemeinsames Training, wenn es abwechslungsreich und herausfordernd ist. Denn Breeze sucht stets Neues und Anspruchsvolles um sein Potential zu entfalten. Seine wache und zielgerichtete Art steckt an.

Katharina schließt ihn sofort in ihr Herz. Sie spürt:  hier hat einer Ziele, hier will einer das Leben gestalten, hier werden Herausforderungen nicht zu Problemen, sondern angepackt. Und das motiviert weit über das Reiten hinaus.  

Dakota Kentucky hieß früher Suleika. Unsere Tochter erwarb ihr eigenes Pony und fand den indianischen Namen zutreffender. Denn Dakota ist mehrfarbig und erinnert an Prärie und Freiheit. In der Herdenhierarchie ist sie weit unten. Das belastet sie kaum. Rangstreitigkeiten geht sie aus dem Weg. Dakota hat gerne ihre Ruhe. Meist grast sie seelenruhig und zufrieden weitab der Herde. Manchmal gesellen sich weitere rangniedrige Tiere zu ihr. Unsere Beobachtung bestätigt Mark Rashid. Pferde wählen nicht immer dominante Führer. Manchmal favorisieren sie andere Qualitäten, von denen sie sich Vorteile erhoffen. Jedenfalls möglich wir die kleine Herde der „Unabhängigen“. Unter unseren Teilnehmern hat Dakota viele Fans. Liegt es an ihrem kleinen Körperbau oder freundlichen Gesicht?  Auffällig ist ihr Mut.  Warum auch immer: Angst hat sie nur vor Fußbällen. Trotz  geringem Status ist sie selbstbewusst. Übrigens liebt sie kontinuierliches Training. Dabei fordert sie Klarheit, Gelassenheit und Konzentration. Hektik oder Abschweifen mag sie gar nicht. Aber aufgepasst: sie ist keine Schlaftablette. Im Gegenteil: zu ihren Stärken gehören Intelligenz und Ehrgeiz.  Dakota braucht nicht viele Freundschaften, aber diese pflegt sie intensiv. Gewinnt man ihr Herz, besitzt man einen treuen Freund.

Philipp ist etwas ängstlich und zurückgezogen. Dakota zählt zu seinen Freunden, denn sie versteht ihn. In ihrer Nähe kann er sich „fallen“ lassen. Philipp entspannt und wird sogar etwas übermutig. In der Geborgenheit dieser Gemeinschaft überrascht er mit pfiffigem, zuversichtlichem Innenleben.

 

 

 

 

Leider koppt er. Das ist nicht lebensbedrohlich, aber psychisch auffällig. Chipper lebte einfach zu lange in einer Box. Unterbeschäftigung, Langeweile und Vereinsamung ist eine grausame Mixtur. Als Quarterhorse ist er kaum zu erkennen. Sein dürrer Körperbau ähnelt dem von Jährlingen, man sieht fast jede Rippe. Sein Fell ist zu dünn, bei Kälte benötigt er eine Decke. Ohnehin ist er anfällig für  Wehwehchen. Derzeit ist er in medizinischer Dauerbehandlung. Wir haben das Gefühl, das er intensive Zuwendung geradezu sucht. Chipper ist ein auffällig liebenswerter Kerl, sanft und unbekümmert. Kann er überhaupt die Ohren anlegen und sich ärgern? Jedenfalls vermag er keiner Fliege etwas anzutun.  Überragend ist sein Talent. Nicht nur, weil er Schleifen gewonnen hat. Sein Können beweist er auch im therapeutischen Bereich.

Den geistig und körperlich schwerbehinderten Achim lernen wir als „Grantler“ kennen. Er findet immer mal Gründe zum nörgeln. Bis er Chipper begegnet. Dieser löst in ihm etwas anderes aus. Achim lässt sich tragen und strahlt um die Wette. In diesen Momenten gibt es nichts zu meckern, sondern zu genießen. Und mehr noch: Achim lobt und lobt und lobt und lobt. 

 

Ihr Fell ist goldgelb, ihre Mähne blond und lang. Mag sie auch etwas übergewichtig sein: Goldi ist ein Hingucker. Sie wuchs in einer Milchstutenherde fast ohne menschlichen Kontakt auf. Das muss ihr schwer gefallen sein, denn sie liebt Menschen.  Typisch Haflinger ist ihr cooles Wesen. Untypisch Haflinger sind ihre Führungsqualitäten. Goldi ist heimliche Alphastute. Dabei gängelt oder bevormundet sie niemand. Pferde folgen ihr, weil dies Vorteile hat. In ihrer Nähe kommt niemand zu kurz. Man spürt: andere sind ihr wichtig. Goldi ist zwar nicht außergewöhnlich fürsorglich, schon gar nicht „Mutter der Nation“. Aber  genau das macht sie so attraktiv. Sie ist herrlich unaufgeregt, stinknormal und geradeaus.  

Tina hat nur Augen für „ihre“ Goldi. Sehnsüchtig wartet sie auf Augenblicke der Begegnung. Sie ist mehrfach behindert, aber was bedeutet das in Goldis Gegenwart. Goldi trägt und erträgt  ungelenke Bewegungen, falsche Sitzhaltungen und laute Schreie. Tina ist in ihrem Element,  laut und grobmotorisch. Goldi weicht dem nicht aus. Und das hat leise und feine Wirkung.

Westerreitsport ist mittlerweile Hochleistungssport und weit entfernt von Lagerfeuerromantik. Doc Holliday Joy - kurz „Joy“ genannt - kann ein Lied davon singen. Sie hat ihre Erfolge teuer erkauft. Wir haben Joy trotz einiger Abnutzungserscheinungen gekauft, da sie unser Herz gewann. Das geschieht bei jedem, der sich  Mühe gibt, ihren wesentlichen Reichtum zu entdecken. Joy begeistert nicht auf den ersten Blick. Sie zählt zu den stillen Pferden, die sich weder aufdrängen noch besondere Ansprüche stellen. Ihr auffälliges Können ist Leistungsbereitschaft. Niemand muss Joy zur Arbeit überreden. Man muss sie eher bremsen. Ihr Wesen ist  pure Sanftheit, die ihresgleichen sucht. Wer kann sich dem entziehen?

Charlotte leidet unter einer psychischen Erkrankung. Mal ist sie obenauf, mal depressiv. Während der gefühlsmäßigen Achterbahn ist Joy ein Fels in der Brandung. Bei ihr kann Charlotte den Alltag vergessen. Joy lebt im Augenblick, nicht gestern, nicht morgen. Jetzt ist die schönste Zeit der Woche.

 

 

 

 

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